E-paper - 13. März 2020
Blickpunkt Thurnau

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Eine Rekonstruktion der historischen Kemenate im Schloss ermöglicht virtuellen Rundgang

Thurnauer Geschichte in 3D erleben

New York vor 400 Jahren, Notre-Dame vor der Zerstörung oder das „Rothe Zimmer“ in der Kemenate des Thurnauer Schlosses: Ehemalige historische Räume sind heute mit Hilfe von Informatikern erlebbar. Wie das funktioniert, stellten Wissenschaftler der Universität Bayreuth im Februar beim Stadtgespräch im Iwalewahaus in Bayreuth vor.

Die promovierten Historiker Marcus Mühlnikel und Robert Schmidtchen, Medienwissenschaftler Felix Liedel und Michael Guthe, Professor für Angewandte Informatik, erläuterten den zahlreichen Zuhörern ihr Projekt: eine dreidimensionale Rekonstruktion eines Saals im ältesten Gebäudeteil des Schlosses.

Digitaler Zwilling

Aus einem Gespräch heraus sei die Idee entstanden, das frühere Aussehen des „Rothen Zimmers“ wieder greifbar zu machen, erläuterte Historiker Schmidtchen. Als Erstes habe man sich der analogen Welt bedient. Aus dem Jahr 1863 gibt es ein Gemälde des Saals mit Mobiliar. „Unser Ziel war, davon einen digitalen Zwilling zu erschaffen.“ Ein visuelles Vorbild lieferten Computerspiele im historischen Kontext. „In diesen beiden Pools haben wir gefischt.“ Impulse kamen von Eric Sanderson, der die Upper East Side von New York im Jahr 1609 rekonstruierte, und der Entwicklungsplattform Unity.

Virtuelle Ausstellungsräume zu konstruieren liege im Trend, sagte Medienwissenschaftler Liedel. Mit einer VR-Ausstattung könnten sich Besucher durch die Räume bewegen. Auch Kunstsammlungen seien mittlerweile mit VR-Brillen erlebbar. Dabei gehe es um die Erfahrung des Raums, seiner Tiefe und Blickwinkel. „Damit können wir eine ganz andere Art der Museumserfahrung schaffen.“

Marcus Mühlnikel vom Institut für Fränkische Landesgeschichte der Universitäten Bayreuth und Bamberg in Thurnau kennt die Sammlungen der Grafen Giech. Im „Rothen Zimmer“, das so hieß wegen der roten Stofftapete, befindet sich auch der sogenannte Gebetserker. Von 1857 bis 1871 war das Zimmer mit der markanten Stuckdecke ein Museum, bestückt mit Objekten aus den Sammlungen. Geschaffen wurde es von Carl von Giech. Die Gegenstände befinden sich heute größtenteils im Besitz der Familie Hiller von Gaertringen und lagern in einem Depot. Verziert war das Zimmer zudem mit Tapisserien. Da es einen Sammlungsführer gebe, hätten die Studenten seiner Lehrveranstaltung im Wintersemester den Auftrag bekommen, ihren Verbleib zu recherchieren. „Einer der Teppiche lagert im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.“ Ein anderer sei bei Sotheby’s versteigert worden und nun auf Burg Hochosterwitz.

Begehbares 3D-Modell

Professor Guthe, Inhaber des Lehrstuhls für Angewandte Informatik V, entwickelte auf der Basis Hunderter von Fotografien ein „begehbares 3D-Modell“. Unterstützt wurde er von Darius Rückert, Doktorand der Universität Erlangen. Die Steuerung erfolgt ähnlich wie bei einem Videospiel. Aus den Aufnahmen errechnete eine Software ein Geometriemodell, schilderte Guthe das aufwendige Verfahren. Die Ausstellungsstücke wie Schilder, ein Prunkschrank oder eine Wiege, sofern zugänglich, wurden ebenfalls von allen Seiten fotografiert. Manchmal musste auf einzelne, vorhandene Aufnahmen zurückgegriffen werden. Die digitalisierten Gegenstände wurden in das 3D-Modell eingepasst. Zum Schluss schrieben die Historiker Begleittexte zu den einzelnen Exponaten.

Die digitale Version, an der seit über zwei Jahren gearbeitet wird, ist noch nicht vollendet. Das Modell soll künftig über einen Uni-Server erreichbar sein. Und im Sommer soll es als VR-Erlebnis auf dem Bayreuther Stadtparkett präsentiert werden.

Blickpunkt Thurnau vom Freitag, 13. März 2020, Seite 22 (15 Views)

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